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In der Ruhe ...

In der Ruhe liegt die Kraft!

von Helmut Schäfer
Quelle: www.thulem.de

  “Lux 13/10 von 10!” quäkte es aus dem Lautsprecher im Font des Opel-Vectra mit dem etwas seltsamen grün-weißen “Outfit”, wie dies in neudeutsch landläufig so genannt wird, der die Straßen der Pfingstweide abfuhr. Wolfgang Schmitt, allgemein nur “Schmitti” genannt, nestelte an seiner linken Hemdtasche herum, zog die Packung HB heraus, nahm eine Zigarette und steckte sie zwischen die Lippen.. Bevor er jedoch Gelegenheit hatte, auch nur sein Feuerzeug aus besagter Schachtel zu ziehen, meldete sich schon wieder lautstark die Leitstelle.

 “13/10 von 10, meldet euch gefälligst! Wo seid ihr?”  Schmitti nahm den Hörer von der Halterung und sprach gelangweilt in die Muschel: “Hier 13/10, Standort Pfingstweide, Brüsseler Ring. Was gibt’s?” Können die einen nicht mal in Ruhe lassen, wenn nichts los ist, fragte er sich. Immer diese Hektik, immer Expreß. Nichts kann man in Ruhe erledigen, noch nicht mal das Schlafen zwischen zwei und vier Uhr im Streifenwagen an einem toten Montag.
 “Fahrt mal ins Industriegebiet Nachtweide, Ludwig-Landmann-Straße 12, rechts neben der DANZAS-Filiale, zu Walburg-Möbel, da brennt was.”
 “Hat wieder so´n Dappschädel vergessen, das Licht auszumachen?” fragte Jupp Scholzen, der junge Mann hinter dem Lenkrad des Streifenwagens. Schmitti beförderte mit seinem am rechten Türgriff sitzenden Kipphebel die Seitenscheibe seiner Tür hinunter, zündete sich seine HB an und blies den Rauch demonstrativ durch die geöffnete Scheibe in den Nachthimmel. Seit neuestem war das Rauchen im dienstlichen Gefährt auf das Strengste untersagt. Immer noch den Hörer am Ohr betätigte Schmitti die Sprechtaste und fragte: “Was brennt denn? Das Licht im Kellerlokus oder die Nockenwellenbeleuchtung des Dienst-Mercedes?”

 “Da brennt es unter den Nägeln, ihr Schlaumeier!” Gerd Höhn auf der Leitstelle des PP Ludwigshafen hatte heute anscheinend wieder seine spaßige Ader entdeckt, um die Kollegen vor Ort etwas hoch zu nehmen. Normalerweise staubte es bei ihm nur so am Funk, furztrocken kamen seine Anweisungen an die Besatzungen der jeweiligen PI´s. “Da brennt es im Antiquitätenlager unter den Nägeln der alten Schränke. Die Feuerwehr ist schon verständigt. DRK und Notarzt sind auch unterwegs.”

 “Ach du dicke Scheiße” dachte Schmitti. Dann drehte er den orangefarben beleuchteten Drehknopf der RTK-4-Anlage unter dem Armaturenbrett nach links, zog ihn hoch und schon hallte von den Wänden der Trabantenstadt das Echo der 55-Watt-Lautsprecher des Signalhorns wider. Der Lichtschein des Blaulichtes warf einen irrenden Schatten auf die parkenden Fahrzeuge der Bewohner. Jupp trat das Gaspedal durch bis auf den Wagenboden und der Vectra schoß nach vorne. Fast hätte er ein nicht regelgerecht abgestelltes Vehikel Marke Citroen-Visa am Heck erwischt. Im letzten Moment riß er das Lenkrad nach links und vermied so eine Stellungnahme in sechsfacher Ausführung. Nach nur fünf Minuten Fahrzeit über verschlungene Wege, die nur altgedienten Schutzleuten bekannt waren, stellte Jupp den Streifenwagen rechts der Zufahrt zu dem Objekt ab. Im Gewerbegebiet Nachtweide nördlich der Anilin, wie die BASF bei den Ludwigshafenern heißt, hatte sich in den vergangenen zehn Jahren ein Gemisch aus Industrie/Chemie/Handelsfirmen etabliert, das ein Flair ähnlich eines Sarglagers verbreitete – nüchtern, kalt, kahl! Wellblechhallen mit Glas-verbrämten Verwaltungsgebäuden allerorts. Lediglich das Gebäude der Möbelhandlung Walburg hob sich etwas hervor, allerdings nur durch die Farbe der Fassade – einem satten Bordeaux-rot, das sich nun zu helleren Tönen emporschwang. Es brannte wirklich! Und wie! Ca. 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche bildeten eine Fackel, ein Fanal sondergleichen.

 Nur zwei Minuten später rauschte die Feuerwehr mit fünf Einsatzfahrzeugen herein. Allesamt von der Werksfeuerwehr der BASF, denn die hatten die kürzeste Anfahrt. Der Einsatzleiter der Feuerwehr studierte ca. 2 Minuten das brennende Objekt und gab dann kurz und bündig seine Anweisungen in das Funkgerät, das er aus der linken Brusttasche seiner Uniform zog.
 “Wir können nicht auf die Kollegen aus Oppau warten – Trupp zwo und drei nach Norden, Längsseite zum Rhein – drei B-Rohre auf das Dach und die Seiten! Trupp eins und vier hier vorne an der Front, wie gehabt! Paßt auf den Verwaltungskasten auf, der ist gefährdet – hoffentlich können wir den retten. Die Flammen sind nur noch fünf Meter davon weg, das wird eng!”

 Die Feuerwehr war da und tat das, wofür sie da war – sie versuchte den Brand zu löschen! Jupp und Schmitti taten das, was allererste Polizistenpflicht ist, sie umrundeten, nur gestört durch die zahlreich herumliegenden Schläuche der Feuerwehr, zu Fuß den ganzen Komplex.

 “Hinten an der Nordseite hat es angefangen,” sagte Schmitti zu Jupp. Die  Außenhaut der Halle wies an dieser Seite eine hellgelbe Verfärbung auf, während die restlichen Teile eher einen dunklen Ton verkörperten. “Man sieht meistens, wo der Brand entsteht, anhand der Verkohlung der Bauteile!”
 Die Feuerwehr sprühte mittlerweile aus allen verfügbaren Rohren. Schmitti und Jupp vollendeten ihre Spurensuche und landeten wieder bei ihrem Streifenwagen. Das Verwaltungsgebäude war vermutlich nicht mehr zu retten, trotz der intensiven Bemühungen der Brandbekämpfer. Der Wehrleiter kam zu den beiden. “Wenn die Oppauer noch kommen, dann können wir den Glasbau noch retten. Doch was nützt das?” Gleichzeitig drehte er sich um die eigene Achse und schritt forsch zu seiner Einsatzleitstelle.

 Jupp beugte sich auf der Fahrerseite weit in den Streifenwagen hinein, griff sich den   Hörer: “Lux 10 von 13/10!”

 “Zehn hier!”

 “So wie das aussieht, hat da jemand was gegen den Möbelfritzen gehabt!  Die Kiste hier wurde abgefackelt, wahrscheinlich Brandstiftung! Schickt mal die Kollegen von K raus, auch wenn die keine Lust haben. Das gibt hier einen Schaden von locker 2 Millionen! ” Die Leitstelle antwortete mit einigen unverständlichen Silben, schwieg dann. Schmitti zog sich eine neue HB rein, als ein aufgeregter Feuerwehrhäuptling vor ihm stehen blieb und hastig verkündete:

 “Da oben liegt einer, der sieht so aus, so tot – also, der bewegt sich nicht mehr!”

Das Feuer loderte immer stärker zum Verwaltungsgebäude hin. Es würde nicht mehr lange dauern, und alles fiele dem Feuer zum Opfer. Schmitti und Jupp folgten dem Feuerwehrhauptmann. Die Zeit drängte. Über den gepflasterten Vorplatz gelangten sie in die weitläufige kalte Empfangshalle. Der Feuerwehrmann drängte zur Eile. Über drei Treppen, die bogenförmig der Glasfront folgten, gelangen sie in die Chefetage, die sich sichtlich ob ihrer Ausstattung von dem Rest des Gebäudes abhob.

 “Da hinten links, hinter der großen Tür, da ist es!” Der Mann im schwarzen Dress verschwand hinter der großen Tür. Jupp und Schmitti folgten, jedoch relativ bedächtig. Immer langsam angehen lassen, alte Bullenregel – in der Ruhe liegt die Kraft! Sie durchschritten die breite Tür zu einem Raum, der locker die Hälfte eines Einfamilienhauses ausmachte – 60 Quadratmeter, bestehend aus edlen Hölzern, Teppichböden einer etwas teuren Klasse, rundherum – Geld ohne Ende! Nobel! Inmitten des Raumes, der ansonsten leer war, stand ein Designer-Schreibtisch aus edelster Deutscher Eiche. Dick – geschwungen – poliert, drapiert auf einem geschwungenen Unterbau aus Edelstahl! Keine Aktenschränke, keinerlei übliche Büroausstattungen – nichts.

 Lediglich die linke, aus Eiche bestehende, Verbrämung der Bürowände wies eine, auf den ersten Blick sichtbare, Öffnung auf – ein Tür, die zu einem anderen Raum führte. Aus dieser Öffnung fiel ein gelber Lichtschein auf den tiefen Teppichboden. Jupp nahm sein sauberstes Taschentuch, griff damit vorsichtig oberhalb des Schlosses und schob das Türblatt nach rechts.

Dahinter verbarg sich ein mit edelstem Marmor ausstaffierter Herrenklo, der nur einen Fehler aufwies – er war besetzt! Von einer Leiche!

 Der Mann lag so gebeugt über der Toilettenschüssel, wie es allgemein üblich ist, wenn man in trunkenem Kopf erbrechen muß! Die Hand an den Seiten, den Kopf über der Öffnung, und das auf Knien!

 Das Becken der Toilettenschüssel lief fast über, offensichtlich war es verstopft.

Der Kopf des Mannes lag zur Hälfte eingetaucht in dieser Schüssel, in dieser Flüssigkeit. Der Mann bewegte sich keinen Schlag. Schmitti griff an die linke Halsseite. Kein Puls, Körpertemperatur im nicht-lebensmöglichen Bereich!

 Der Mann war tot!

“Raus hier, gleich geht der ganze Laden hoch!” drängte der Feuerwehrhäuptling. Schmitti erhob sich nach der Feststellung, daß kein Leben mehr in dem Mann war, wischte seine Hände an seiner Hose trocken und sagte ebenso zu seinem Partner Jupp; “Beeile dich mit den Fotos, alle Winkel, alle Richtungen. Zoom-Aufnahmen vom Hals und der gesamten Lage des Toten”. “Raus hier, wenn ihr nicht gegrillt werden wollt!” schrie der Feuerwehrmensch in hohem Diskant. Schmitti nahm den Mann am Arm uns sprach in seiner gewohnt ruhigen Art: “Glasklare Vorgabe – wie lange können wir uns noch erlauben, den Kasten zu sezieren, also unsere Arbeit halbwegs zu erledigen? In aller Ruhe: Wann geht der Kasten hoch, wieviel Zeit bleibt uns noch?” Die sonore Stimme Schmittis nahm dem Feuerwehrhäuptling seine Hektik, er wurde zusehends ruhiger, entspannter. “Florian Ludwig  von Florian Ludwig 10/43 kommen!” rief er in seinen Handapparat. “Hier Florian Ludwig, 10/43 kommen!” – “Wann müssen wir räumen – die Jungs von Grünweiß wollen das wissen!”

 “Allerhöchstens noch 10 Minuten, dann wird es kritisch. Sag den Bullen, sie sollen den ganzen Quatsch sein lassen, das lohnt nicht!” Der Feuerwehrmann im dritten Stock drückte seine Sprechtaste heftig: “Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt – hier liegt eine Leiche im Kanal, nee, im Lokus. Und die Leiche wurde gemeuchelt! ”

 “OK. Wir versuchen, den Bürokomplex noch länger aus der Schußlinie zu holen. Das geht aber auf Kosten der Halle. Wenn die Bullen das unbedingt wollen, na ja, wir versuchen unser Bestes!” Die Löschtrupps an der Südseite beidseitig des Komplexes richteten ihr Strahlrohre nun hauptsächlich auf den Verwaltungsbau, um diesen zu kühlen. Das Feuer in der Halle hatte nun einen Feind weniger und Nahrung war äußerst reichlich vorhanden, äußerst!  Jupp Scholzen eilte nach unten, um Filme aus dem Streifenwagen zu holen.

 Schmitti ging, trotz der beschwörenden Töne, die der Feuerwehrmensch von sich gab, bevor er nacht unten entschwand, nochmals in den als Toilette ausstaffierten Alkoven, um nach dem Inhaber der Firma zu sehen, der doch so absolut nichtlebend vor der Kloschüssel kniete. Er bückte sich tief nach unten und inspizierte nochmals das rotgeränderte Muster, das den Hals des Toten ringförmig umschloß. Deutlich waren die Glieder einer Panzerkette zu erkennen. Plötzlich wurde Schmitti unwillkürlich nach hinten geworfen. Der Boden unter seinen Füßen schien zu beben. Hinter ihm brach ein infernalisches Geräusch los. Glas splitterte, als seien tausend Kisten Sprudel beim Verladen aus zehn Metern Höhe auf dem Betonboden zerschellt – schrill!

Sämtliche Fensterscheiben, die zur Lagerhallenseite führten, waren pulverisiert! Der teure Teppichboden war übersät mit Diamanten aus Glas. Nur die leeren Rahmen schimmerten im purpurnen Schein des Fanals. Als er sich erhob, glitt sein Blick zurück zur Toilette. Der Tote war nach rechts an die Seitenwand geglitten und lag auf seiner eben jener Körperseite, so, wie sie in unzähligen Fernsehserien tagtäglich dem deutschen Endverbraucher als leichte Kost serviert wird. Leider glaubt der Otto-Normalverbraucher alles, was da so auf die Mattscheibe geworfen wird. Das Echo davon war sein tägliches,  äußerst beschwerliches Brot.  Daß es sich um den Chef des Ladens handelte, war jetzt offensichtlich, denn der Tote glich frappant der Person, deren Ebenbild an der Stirnseite des Feudalbüros auf vier Quadratmeter Leinwand als Schinken in Öl verewigt war. Lediglich die Gesichtsfarbe unterschied sich vom Original. Eine Leiche ist nun mal blaß! Und das von Natur aus!

 Schmitti erhob sich mühsam. Die Innentemperatur war schlagartig in den Bereich eines Barbeque-Grills gestiegen. Die Luft kochte fast. Trotzdem trieb es ihn zu dem Toten. Da stimmte was nicht, da war etwas, was nicht paßte! Er näherte sich dem kleinen Raum, schaute in die Toilettenschüssel, schaute lange!

 Was stimmt da nicht? Warum ist der Klo überhaupt verstopft? Weshalb?

 Er blickte auf den Grund des Toilettenbeckens und sah ein mattes Blinken. Er griff instinktiv zu, als es ihn wieder zur Seite schleuderte. Gleichzeitig verlosch das Licht. Es war stockdunkel. Der Gegenstand, den er aus der Kloschüssel geangelt hatte, fühlte sich irgendwie nach etwas an, das ihm bekannt war, was er kennen mußte. Schmitti sah nichts mehr und steckte seinen Fund geistesabwesend in die linke Innentasche seiner Lederjacke. Noch einmal griff er in die Öffnung der Toilette, um nach der Ursache der Verstopfung zu tasten. Seine vor Nässe triefende Hand förderte einen Klumpen hervor, ein in Plastik eingeschweißtes Etwas. Wohin damit? Schmitti schob den Plastikbeutel dem Toten in seine rechte Jackentasche. Dann rappelte er sich auf und dachte zunächst nur: Du mußt hier schnellstens raus. Von seinem Instinkt getrieben, griff er dem Mordopfer mit beiden Händen in die Achselhöhlen und versuchte, den Leichnam in Rückenlage zu wuchten. Mann, war der Kerl schwer. Erst beim dritten Versuch gelang es ihm, dabei fiel er rücklings zu Boden. Der Tote lag zwischen seinen Beinen. Die Hitze wurde immer unerträglicher.

 Du mußt es unbedingt schaffen, wenn sonst schon nichts mehr zu retten ist, den Toten hier raus zu kriegen!

 Schmitti schob beide Arme bis zur Beuge unter die Achselhöhlen des Mannes, griff mit den Händen flach vor den Brustkorb, verschränkte seine Finger und zog den Toten ächzend aus dem Alkoven.

 Wohin muß ich jetzt? Durch die geborstenen Fenster drang ein matter rötlicher Lichtschein in das Büro. Halbrechts sah er die Tür zum Treppenhaus. Er dachte nur: Ich muß es irgendwie schaffen...!

 Er erreichte die oberste Stufe der Treppe. Und was nun ?

 Auf dem Vorplatz der Firma war mittlerweile die Hölle los. Die Oppauer Feuerwehr war eingetroffen und unterstützte ihre Kollegen von der Anilin nach besten Kräften. Jupp stand halbwegs hilflos in dem ganzen Chaos herum. Wo war Schmitti?

Gerade, als der allseits bekannte Opel-Omega der K-Bereitschaft auf den Parkplatz schoß, sah Jupp wieder zum Verwaltungsbau. Aus der Eingangstür stolperte Schmitti rückwärts ins Freie und ließ sich rücklings zu Boden fallen. Jupp eilte zu ihm. Vor seinem Kollegen lag der Tote. Mann, ist der bekloppt, warum macht der das nur? dachte Jupp.

 Kurze Zeit später ließ sich die K-Bereitschaft, bestehend aus KOK´in Claudia Hermes und ihrem Kollegen Dietmar Moosmann über den spärlichen Sachstand von Schmitti in Kenntnis setzen. Keine Hinweise auf irgendwas, Tatort nicht zu sichern, Spuren allesamt pulverisiert! Das Verwaltungsgebäude gab mit einem lauten “Krrr-Pffff” sein letztes Lebenszeichen von sich. Die Stahlkonstruktion glühte, die Außenhaut löste sich in sich selbst auf. Jupp schritt zu seiner Kollegin. “Ich hab´ vier Filme verknipst. Ich schick den ganzen Kram zum LKA nach Mainz und mach´ dir sofort nach der Entwicklung die Fotomappe.”

 “Ist in Ordnung. Danke, den Rest schaffen wir schon. Deinen Bericht hätte ich aber ganz gerne noch vor dem Morgensegen auf meinem Tisch – du weißt, der PP will der Presse immer was zu beißen geben können – möchten – oder so!”

 “Geht klar, wir fahren jetzt rein und ich schreib‘ dir das!”

 “Übrigens: Klasse, daß du das Opfer “gerettet” hast, sonst hätten wir gar keinen Ansatzpunkt für unsere Ermittlungen, so wie das hier jetzt aussieht!” Schmitti lenkte müde seine Schritte zum dienstlichen Gefährt.  Jupp erschien Momente später, startete den Vectra und fuhr in Richtung Trabantenstadt davon. Es war mittlerweile 05.30 Uhr. Auf dem Parkplatz gegenüber der Dienststelle in der Edigheimer Straße stellte er den Dienst-Vectra ab. Klaus Szukowski, genannt “Schuko”, drückte den Summer des Türöffners für die beiden.

 Als sie die Wache betraten, öffnete er seinen Mund für einen seiner üblichen lockeren Sprüche. Die Gesichter seiner Kollegen nahmen ihm jedoch den Spaß an der Sache und er hielt die Klappe.

 Schmitti verlängerte seinen Nachtdienst, der um 06.00 Uhr normalerweise sein Ende gefunden hätte, um fast 4 Stunden, um den allseits beliebten Tatortbefundbericht mit Strafanzeige, Einsatzmeldung und Spurenberichten in den PC zu hacken. Schon nach zwei Stunden fielen ihm immer öfter die Augen zu, die Lider wurden schwerer und schwerer. Mit Mühe vollendete er den letzten Bericht, der, wie üblich nach 14 Stunden Nachtdienst, orthographisch äußerst zu wünschen übrig ließ. Er vergaß verschiedene Einzelheiten, Umstände ...

...doch das alles kann auch noch übermorgen geschrieben werden. Schmitti war nur noch müde.

 

Vor dem Polizeipräsidium in der Wittelsbachstraße, einen Tag später, drängten die Medien auf ein Statement. Der Pressesprecher wiegelte ab, vertröstete.

Derweil im Direktionsbüro des PP Ludwigshafen, 14.00 Uhr:

 

Anwesende:

Polizeipräsident Volker Galbes, Leitender Schutzpolizeidirektor Roman Römer,

Kriminaloberrat Klaus Weber (Leiter K), Kriminaloberkommissarin Claudia Hermes,

Kriminaloberkommissar  Dietmar Moosmann, Polizeihauptmeister Wolfgang Schmitt,

Polizeiobermeister Josef Scholzen...

 

 “...sie sind hiermit vom Dienst suspendiert, Herr Schmitt...” tönte der Präsident “...wegen Verdacht auf Strafvereitelung im Amt, Beihilfe zum Mord steht auch noch im Raum! Der Tote war offensichtlich nicht nur auf dem Antiquitätensektor tätig, sondern auch noch in großem Maße als Drogenschieber! Der Beutel, den sie dem Toten, ihrem Bericht zu folgen, in die Jackentasche schoben, enthielt 500 Gramm reinstes Kokain!” Schmitti dachte, er sei im falschen Film!

 “Die bisher durchgeführten Ermittlungen haben ergeben, daß sie mit dem Mordopfer in einer Beziehung standen, die über das dienstliche Maß bei Weitem hinausgeht! Sie kannten den Inhaber der Firma, den Herrn Walburg?”

 “Ja, ich kannte ihn!”, antwortete Schmitti. “Ich habe gelegentlich bei ihm alte Möbel aufgearbeitet, also restauriert. Ich bin ja gelernter Schreiner und da ergibt sich so ein Job nun mal, wenn man die Leute kennt. Mit dem Gehalt, daß einem das Land bezahlt, kommt doch sowieso kein Kollege mehr aus! Da muß man sich einen Nebenjob suchen! Fast jeder Kollege unserer Dienststelle macht so etwas, sogar die von der Kripo. Fragen sie doch mal den Leiter K, der kennt den auch sehr gut, besser als ich!”

 “Das ist mir im Moment egal! Sie machen ab sofort jedenfalls keinen Dienst mehr hier bei uns. Ihre Dienstwaffe und ihren Dienstausweis bitte!”

 Schmitti entnahm seine Walter P 5 aus dem Holster, öffnete die Ledertasche, die sein Reservemagazin enthielt und legte beide Teile auf den Tisch. “Ihr Dienstausweis fehlt noch!”, bellte der Polizeipräsident. Schmitti griff in die linke Innentasche seiner Lederjacke. Er erwischte seinen Ausweis mitsamt seines Verwarnungsblocks und warf beides dem PP auf den Schreibtisch. Es klimperte metallisch, als die Gegenstände auf der glattpolierten Fläche landeten. Aus dem Verwarnungsblock war eine ovale, messing-farbene Metallscheibe gerutscht, an der ein fünf Zentimeter langes Stück einer Panzer-kette hing. Claudia Hermes bemerkte, daß sich die Gesichtsfarbe eines anwesenden Kollegen drastisch veränderte. “Was ist das denn?” fragte der PP und nahm das Teil vom Schreibtisch auf. Es handelte sich um eine Kripomarke, etwas, das Schmitti vergessen hatte...

 

DIE RHEINPFALZ

Mord im Möbelhaus in der Nachtweide aufgeklärt.

Der Mord an dem Inhaber des Antiquitätenhauses Walburg wurde überraschend schnell geklärt. Der Leiter der Kripo, Kriminalrat Klaus W., wurde gestern während der Pressekonferenz zu diesem Fall festgenommen und dem Haftrichter beim Landgericht Frankenthal  vorgeführt. Dieser erließ Haftbefehl gegen den Kripo-Chef. Klaus W. stand in enger Beziehung zu dem Inhaber der Möbelhandlung, welcher nach unseren Informationen ein führendes Mitglied der organisierten Drogenszene gewesen sein soll. Das Mordopfer wurde, nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen,  mittels einer Gliederkette erdrosselt, ähnlich jener, an der jeder Kriminalbeamte seine Dienst-, bekannter als “Hunde-“ marke, trägt...


Diesen Kurzkrimi fand ich im Internet unter www.thulem.de . Zuerst dachte ich, dass dieser Krimi von dem Schriftsteller Jacques Berndorf geschrieben wurde. Dem war aber nicht so.
Es stellte sich dann heraus, dass diese Kurzgeschichte aus der Feder eines Kollegen stammt. Es handelt sich um den Kollegen Helmut Schäfer, der vor 25 Jahren seinen Dienst beim ehemaligen 3. Revier in Ludwigshafen-Oppau verrichtete. Heute ist er bei der PI Daun beheimatet.
Dieser Kurzkrimi sowie andere erschien im April 2004 in dem Anthologie-Band "Mords-Eifel". Für diese Anthologie verlegte Helmut Schäfer das Geschehen von Ludwigshafen in die Eifel.

Das Buch von Herausgeber Jacques Berndorf ist im KBV-Verlag erschienen, ISBN 3-937001-14-x, und kostet 9,50 €.

Michael Preute (Jacques Berndorf) und Helmut Schäfer

Helmut Schäfer bei seiner ersten Lesung von “In der Ruhe liegt die Kraft” am 14.05.2004 im Vulkanhaus Strohn


 

Der Herausgeber von Mords-Eifel ist der bekannte Eifel-Krimi-Autor Michael Preute alias Jacques Berndorf.

Michael Preute, 1936 in Duisburg geboren, studierte nach dem Abitur zunächst Medizin, wandte sich aber bald dem Journalismus zu. Er arbeitete als Gerichtsreporter, wurde Chef vom Dienst und Chefredakteur. Später war er als Berichterstatter oft außerhalb Deutschlands, in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, darunter entsprechend seiner kriminalistischen Vorlieben "Vera Brühne - Ein Justizirrtum?" und "Mord-Schmitt". Bis die Eifel seinem bewegten Leben eine andere Richtung gab. Die Stille spornte ihn an. Er beschloss, Kriminalromane zu schreiben. Eifel-Krimis. "In der Stille lässt es sich gut verbergen..." Mehr von Michael Preute gibt es hier:

www.jacques-berndorf.de

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